Sanatorium Dr. Barner in Braunlage

Im Zeitalter der Hygiene

Die Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts stand im Bann der Tuberkulose. Die Lungenkrankheit, die medikamentös noch nicht zu heilen war, wurde als Zivilisationsleiden begriffen. Wer als Kranker genug Geld hatte, der verlegte seinen Lebensmittelpunkt in die alpenländischen Sanatorien. Nur ein langjähriger Sanatoriums Aufenthalt á la Thomas Mann bot die Chance zur Heilung.

Das Sanatorium Dr. Barner in Braunlage ist einer der bedeutendsten noch erhaltenen Jugendstilbauten in Deutschland. Im Jahr 1900 erwarb der Philologe und Mediziner Dr. Friedrich Barner zwei in regionaltypischer Holzbauweise errichtete Villen oberhalb des Ortskerns und eröffnete dort das „Rekonvaleszentenheim der gehobenen Stände“.

Zu den Heilung und Erholung suchenden Patienten gehörte 1904 auch Albin Müller, Lehrer für Raumkunst und Formenlehre an der Kunstgewerbeschule Magdeburg und späterer Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt. Die während seines Aufenthalts geschlossene Freundschaft zum Sanatoriumsleiter zahlte sich für den Architekten aus: Friedrich Barner beauftragte ihn mit dem Bau eines Erweiterungsgebäudes.

Mit dem 1914 fertiggestellten, repräsentativen Mittelbau verband Albin Müller die bestehenden Villen zu einer Dreiflügelanlage. Die wahre Besonderheit des Sanatoriums offenbart sich jedoch erst im Innenraum: Die gesamte Innengestaltung samt Möbeln, Holzeinbauten, Treppenhäusern, Wandbespannungen, Tapeten, Leuchten, Geschirr und Besteck wurde von Albin Müller im Sinne des späten Jugendstils entworfen und ist größtenteils bis heute erhalten. Jeder Raum beeindruckt durch einen speziellen Material- und Farbkanon.

Neben Materialien wie Marmor und Massivholz kam vor allem das damals neue Linoleum zum Einsatz: Nicht nur viele Bodenflächen, auch Wände wurden mit Linoleum – so genannten Linkrusta-Tapeten – ausgestattet. Neben den hygienischen Vorteilen, die das Material bot, kam auch die Ästhetik nicht zu kurz: Dank des Inlaid-Verfahrens, bei dem farbige und ornamentale Muster in den Linoleumboden eingefügt werden, konnten sehr individuelle Dessins nach Entwürfen Albin Müllers für Böden und Wände des Sanatoriums hergestellt werden.

Im Sanatorium Dr. Barner liegen noch heute originale Inlaid-Linoleumböden auf knapp 1.300 m².

Linoleum im Jugendstil

Das Sanatorium Dr. Barner befindet sich in Braunlage, einem heilklimatischen Kurort und Wintersportplatz im Harz. Die im Jahr 1900 eröffnete Privatklink umfasst zwei Villen im historischen Stil sowie einen mittleren, 1914 fertiggestellten Erweiterungsbau und diente als „Rekonvaleszentenheim der gehobenen Stände“. Das sogenannte Mittelhaus des Sanatoriums wurde von Albin Müller, dem späteren Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, erbaut und ist eines der bedeutendsten Zeugnisse des späten deutschen Jugendstils.

 

 

Inlaid Linoleum

Für den Boden wurde Inlaid-Linoleum verwendet, das um die Jahrhundertwende erfunden worden war. Mit diesem Verfahren konnten farbige und ornamentale Muster abriebfest in den Linoleumboden eingebracht werden. Sie wurden nach Müllers Entwürfen mit mehrfarbigem, kontrastreichem Muster aus geometrischen und organischen Formen gefertigt, zwölf für die Böden und drei für die Linkrusta-Tapeten. Dass Albin Müller die Linoleumböden selbst konzipiert hat, ist kein Zufall. Wie Peter Behrens oder Albert Gessner pflegte er generell eine enge Zusammenarbeit mit Industrie und Handwerk, wenn es um die Gestaltung eigener Entwürfe in industriegerechten Formen ging. Zu Recht gelten diese drei frühen Designer als Pioniere der zeitgemäßen Produktgestaltung.

Objektinformation

Architekten: Albin Müller, Dittersbach
Planungsbeteiligte: Anker-Linoleumwerke,
Delmenhorst (Linoleumböden und Linkrusta-Tapeten) 
Bauherr: Dr. Friedrich Barner, Braunlage 
Fertigstellung: 1914 
Standort: Doktor-Barner-Straße 1, Braunlage 
Bildnachweis: Sanatorium Dr. Barner, Braunlage

 

Im Presshaus für Inlaid-Linoleum, 1930

Das Gebäude ist fast durchgehend mit Linoleumböden und Linoleumtapeten, sogenannten Linkrusta-Tapeten, ausgestattet. Auch sie sind, einmalig in Deutschland, bis auf den heutigen Tag weitgehend erhalten geblieben. Hygienevorstellungen prägten die medizinischen Ansichten jener Epoche maßgeblich, für die Klinik erwiesen sich Linoleumböden als ideal, denn sie waren vergleichsweise einfach zu reinigen, rutschfest, relativ weich und angenehm zu begehen.